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Volkswirtschaft   23.01.2026 10:34:09

WEF 2026: Das WEF geriet zur "Trump-Show"

Davos GR (awp/sda) - Ein historisches Weltwirtschaftsforum ist in Davos zu Ende gegangen. Einige Teilnehmende sprachen gar von einer neuen Weltordnung, die begonnen habe. Bei nahezu allen relevanten Themen war US-Präsident Donald Trump involviert. Dessen Teilnahme dominierte das WEF.

___ Das WEF 2026 in elf Punkten:

HANDEL: Für die Schweiz war die Teilnahme von US-Präsident Trump insbesondere für das auszuhandelnde Zollabkommen wichtig. Bis zum 31. März soll eine formelle Vereinbarung getroffen werden. Das Treffen zwischen Trump und Bundespräsident Guy Parmelin sei gut verlaufen, verkündete dieser in Davos. Die erste Verhandlungsrunde soll "so bald wie möglich" in Bern stattfinden. Dennoch wurde nach der langen Rede Trumps dessen Unberechenbarkeit erneut klar und dürfte Auswirkungen auf den Zolldeal mit den USA haben. Rahul Sahgal, Direktor der Handelskammer Schweiz-USA sagte im Interview mit Keystone-SDA, der Schweiz müsse bewusst sein, dass Trump auch bei einem fertig ausgehandelten Abkommen seine Meinung jederzeit ändern und mit neuen Strafzöllen drohen kann - so wie er es bei der Grönlandkrise mit verschiedenen EU-Staaten tat. Die Schweiz habe das Steuer nicht in der Hand.

GRÖNLAND: Die Grönlandkrise dominierte thematisch am diesjährigen WEF. Am Mittwochabend verkündete Trump völlig überraschend nach einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte in Davos, dass es nun einen Deal über die Zukunft zu Grönland und der gesamten Arktis gebe. Das Konzept sieht ein stärkeres Engagement der europäischen Nato-Staaten in der Arktis, ein Mitspracherecht der USA bei ausländischen Investitionen in Grönland sowie ein aktualisiertes Truppenstationierungsabkommens vor, damit Donald Trump sein geplantes Raketenabwehrsystem "Golden Dome" realisieren kann. Die Zolldrohungen gegen die EU-Staaten, die zuvor aus Solidarität mit Dänemark Militärpersonal entsandten, nahm der US-Präsident folglich zurück.

BOARD OF PEACE: Trump gründete am Donnerstag mit grossem Pomp seinen umstrittenen Friedensrat, das "Board of Peace". Es ist Teil der von den USA eingeleiteten zweiten Phase im Friedensplan zur Beendigung des Krieges im palästinensischen Gaza. Der Rat soll die Nachkriegsordnung im Küstenstreifen überwachen - viele sehen eine Konkurrenz zu den Vereinten Nationen. Kurzerhand wurde dafür das WEF-Logo überdeckt, vor ähnlich blauer Wand stand hinter dem Rednerpult plötzlich "Board of Peace". Ein gutes Dutzend Staaten - viele autoritär regiert - sassen am Tisch und unterzeichnen ihre Mitgliedschaftserklärung. Ohne Schweiz. Der Bundesrat hält sich trotz Einladung zurück und will zuerst den Inhalt prüfen. Generell ist die Skepsis bei vielen europäischen Ländern gross.

TRUMP: Das WEF geriet zur "Trump-Show": Mit zahlreichen Fahrzeugen und Helikoptern reiste der US-Präsident nach Davos und betrat am Landeplatz direkt den roten Teppich. Tausende drängten zeitgleich in die Kongresshalle zu seiner Rede. Wegen des Andrangs erhielten nur die wichtigsten Gäste Zutritt. Alle anderen verfolgten den Livestream. In Hallen und Gängen versammelten sich viele vor Bildschirmen, einige schliefen während der eineinhalbstündigen Rede ein. Auf den Strassen machten kurdische Gruppen und iranische Oppositionsanhänger auf ihre Anliegen aufmerksam; weitere hundert Menschen demonstrierten gegen das iranische Regime und riefen "Mister Trump, act now!". Transparente gegen den US-Präsidenten waren selten, während auch einige seiner Unterstützer mit roten MAGA-Kappen im Bündner Bergdorf Präsenz markierten.

TRUMP-REDE: In seiner Rede erwähnte Trump das Gespräch mit der ehemaligen Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter bei den Zollverhandlungen im Sommer. Sie sei repetitiv gewesen und habe ihn genervt, weshalb er den Zollsatz danach auf 39 Prozent erhöht habe. Zudem sagte er, die Schweiz wäre ohne die USA nicht die Schweiz. Bei einem anschliessenden Treffen mit Bundespräsident Parmelin habe dieser erklärt, dass das von Trump erwähnte Handelsdefizit inzwischen zugunsten der USA ausfalle. Trump teilte auch gegen andere Staatschefs aus, machte sich über sie lustig, lobte seine Innenpolitik und wechselte immer wieder die Themen. Viele Beobachter bezeichneten die Rede deshalb als "wirr".

VENEZUELA: Die US-Militäraktion, bei der Venezuelas Präsident Nicolás Maduro gefangen genommen wurde, löste weltweit Reaktionen aus. Die SP Schweiz bedauerte, dass Trump wegen dieser "völkerrechtswidrigen Aktion" nicht vom WEF ausgeladen wurde. Dieser rechtfertigte seinen Eingriff am WEF und kündigte goldene Zeiten für das südamerikanische Land an.

UKRAINE: Lange war eine Teilnahme des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj unklar. Am Donnerstag reiste er dann doch nach Davos. Er traf sich während rund einer Stunde mit Trump und sprach gemäss eigenen Angaben über Flugabwehr und "Dokumente". Damit dürften die geplanten Vereinbarungen über Sicherheitsgarantien und den Wiederaufbau des Landes gemeint sein. Auch Guy Parmelin traf den ukrainischen Präsidenten. Dieser habe ihn um Hilfe im Energiesektor gebeten, so Parmelin. Die Schweiz will nun Heizungen in das kriegsgebeutelte Land liefern.

CASSIS-REISE: Auch Aussenminister Ignazio Cassis will als diesjähriger Vorsitzender der OSZE im Ukraine-Krieg vermitteln. Er will eine Vermittlerrolle einnehmen und plant bei einer Entwicklung der Situation Reisen in die Hauptstädte Kiew, Moskau und Washington. Das Thema Ukraine habe "höchste Priorität", sagte Cassis. Die OSZE müsse bei einer Entspannung oder einem Waffenstillstand aktiv werden.

BUNDESRÄTE: Die Schweizer Landesregierung war mit vier Mitgliedern vor Ort. Bundespräsident Guy Parmelin, Aussenminister Ignazio Cassis, Verteidigungsminister Martin Pfister und Finanzministerin Karin Keller-Sutter hielten über 40 bilaterale Treffen ab, darunter mit Trump, Selenskyj, dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Argentiniens Präsident Javier Milei, Israels Präsidenten Isaac Herzog und Cristine Lagarde, der Präsidentin der Europäischen Zentralbank, sowie vielen mehr.

LEITSATZ: Das diesjährige WEF finde vor dem komplexesten geopolitischen Hintergrund seit 1945 statt, sagte der Chef des WEF, Börge Brende zu Beginn der Woche. Unter dem Motto "A Spirit of Dialogue" betonte er die Notwendigkeit des Dialogs in unsicheren Zeiten. Das WEF biete eine unparteiische Plattform, um sich mit den wichtigsten wirtschaftlichen, geopolitischen und technologischen Kräften und dem Wandel auseinanderzusetzen. Insgesamt nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus rund 130 Ländern teil. Darunter über 60 Staats- und Regierungschefs.

DEMONSTRATIONEN: Die Proteste in Davos blieben überraschend klein. Die bewilligte Protestwanderung und die Juso-Demonstration fielen etwas grösser aus als in den Vorjahren, verliefen aber friedlich. Auch eine illegale Projektion eines satirischen Trump-Bildes auf eine Skipiste durch Campax sowie eine Lichtinstallation auf einem Berg sorgten für eher wenig Resonanz. Ausgeartet war dagegen eine Anti-WEF-Demonstration in Zürich: Tausende Teilnehmende hinterliessen am Montagabend Sprayereien, warfen Farbbeutel auf Fassaden und schlugen Schaufenster ein. Es gab Verletzte. Eine unbewilligte Demonstration in Bern verlief am Samstag dagegen ruhig. Sonst kam es heuer in Davos kaum zu Zwischenfällen. Die Feuerwehr musste zweimal ausrücken. Neben einem Davoser Hotel brannte eine kleine Fonduehütte. Wegen der Rauchentwicklung evakuierten die Einsatzkräfte das Hotel. Und im Kongresszentrum wurde ein Brandalarm ausgelöst, jedoch kein Feuer entdeckt.


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