News story
Politik, Regierung, Parlament, Bundesverwaltung   27.09.2026 17:29:19

Mehrheit gegen zu ehrgeizige Vorgaben für mehr Selbstversorgung

Bern (awp/sda) - Die Ernährungsinitiative mit ihrem Ziel, die Selbstversorgung zu stärken, hat zwar durchaus Sympathien gewinnen können. Dass sie dennoch wuchtig abgelehnt worden ist, dürfte an den zu ehrgeizigen Vorgaben für das Erreichen der Ziele gelegen haben.

Ein Netto-Selbstversorgungsgrad von siebzig statt wie heute bei 45 Prozent, und das innerhalb von zehn Jahren: Das hätte die Ernährungsinitiative verlangt. An dieser Vorgabe hätten sich die Land- und Ernährungswirtschaft sowie die Konsumentinnen und Konsumenten ausrichten müssen.

___ "Nichts falsch gemacht"

Weiter hätte der Bund dafür sorgen müssen, dass alle im Land mit Lebensmitteln und mit sauberem Trinkwasser versorgt sind. Hinter der Initiative stehen Franziska Herren vom Verein "Sauberes Wasser für alle" und sechs weitere Personen. Herren war bereits treibende Kraft hinter der 2021 abgelehnten Trinkwasserinitiative.

Die Ziele der Initiative wären nicht zuletzt angesichts des trockenen und heissen Sommers durchaus mehrheitsfähig gewesen, sagte Politologe Lukas Golder im Schweizer Fernsehen SRF. Aber der Fehler der Initiantinnen und Initianten sei gewesen, dass sie zu viel zu schnell gewollt hätten.

Sie hätten nichts falsch gemacht, sage Herren im Schweizer Fernsehen SRF. Man habe Parteien und Umweltschutzverbände um Unterstützung angefragt. Es sei aber gelinde gesagt "surreal" gewesen, dass die ganze Politik sich gegen die Initiative gestellt habe. Auch Umweltverbände distanzierten sich nach anfänglicher Unterstützung.

Die Probleme beim Gewässerschutz und in der Landwirtschaft im Klimawandel seien nach wie vor da, sagte Herren. Das Parlament hätte längst von sich aus reagieren können und müssen. Aber die Agrarpolitik verweigere sich, diese Probleme wirklich anzugehen.

___ "Kein Vegan-Zwang"

Abstimmungssieger waren die ablehnenden grossen Parteien, der Bauernverband, die Nahrungsmittelindustrie und das Gewerbe mit dem Slogan "Mein Essen, meine Wahl - Kein Vegan-Zwang". Die geforderte Erhöhung des Selbstversorgungsgrads sei utopisch und nur durch drastische Eingriffe in Konsum und Produktion machbar.

Die Bevölkerung wolle sich die Freiheit, selber wählen zu können, was sie esse, nicht nehmen lassen, sagte die Schwyzer FDP-Ständerätin Petra Gössi im Schweizer Fernsehen SRF. Die Agrarpolitik bleibe ein Thema, aber da bestimme der Markt mit. Das Fleisch als "des Teufels" zu verdammen, gehe nicht.

Die Initiative schwäche die einheimische Produktion, mache Lebensmittel teurer und führe zu mehr Einkaufstourismus, machte die Gegnerschaft zudem geltend.

Einen höheren Selbstversorgungsgrad strebt der Bundesrat mit der Agrarpolitik ab 2030 (AP2030+) an. Allerdings will er deutlich langsamer voranschreiten: Als Etappenziel für 2033 ist ein Selbstversorgungsgrad von mindestens 47 Prozent aufgeführt, gegenüber 42 Prozent im Jahr 2024.

___ Agrarpolitik in Vernehmlassung

Für Anpassungen der Bauernbetriebe an den Klimawandel sind ein besserer Schutz der Kulturen, ein schonender Umgang mit Ressourcen sowie die Förderung von bestäubenden Insekten und von nachhaltigen Technologien aufgeführt. Auch Beratungsangebote will der Bundesrat fördern, etwa zur Anpassung an den Klimawandel.

Zur Frage, ob Konsequenzen aus dem heissen Sommer 2026 eingeflossen seien, sagte Wirtschaftsminister Guy Parmelin Anfang September bei der Präsentation der Vorlage, Anpassungen oder Ausweitungen nach der Vernehmlassung seien nicht ausgeschlossen. Die Vorlage zur AP2030+ ist bis zum 8. Dezember in der Vernehmlassung. Ab dem kommenden Jahr soll das Parlament darüber entscheiden können.

Die Diskussion über mehr in der Schweiz produzierte Nahrungsmittel sei nicht zu Ende, sagte Parmelin nach dem Vorliegen des Abstimmungsresultats vor den Medien. "Es muss sich etwas ändern." Er wolle bei der Weiterentwicklung der Landwirtschaft pragmatisch vorgehen, versicherte Parmelin. Der Bundesrat wolle nach ausgewogenen Lösungen suchen.

72,5 Prozent der Stimmenden sagten Nein zur Ernährungsinitiative; alle Kantone lehnten das Begehren ab. Den höchsten Nein-Anteil hatte mit 81 Prozent der Kanton Schwyz. Den tiefsten Genf mit 62,6 Prozent. In der Westschweiz Kantonen war die Ablehnung der Initiative meist weniger wuchtig als im Rest des Landes.

Auch die allermeisten Gemeinden lehnten die Initiative ab. Ganze drei Kommunen sagten Ja, nämlich Verzasca und Campo im Tessin und Schelten im Kanton Bern. Vergleichsweise viele Ja-Stimmen kamen auch aus den ablehnenden Städten Freiburg, Bern und Biel, Genf und Neuenburg.


Zum gleichen Thema

POLITIK, REGIERUNG, PARLAMENT, BUNDESVERWALTUNG 27.09.2026 17:25:20 Starrer Verfassungsartikel zur Neutralität scheitert deutlich

Betroffene Instrumente

N/A