Italien ruft wegen Morettis Freilassung den Botschafter zurück
Crans-Montana VS/Rom (awp/sda) - Italien verschärft den Ton gegenüber der Schweiz, nachdem das Walliser Zwangsmassnahmengericht die Freilassung des Besitzers der Bar "Le Constellation" in Crans-Montana VS aus der Untersuchungshaft beschlossen hat. Es beorderte seinen Botschafter in Bern nach Rom zurück.
Der Entscheid des Gerichts vom Freitag stelle eine schwere Beleidigung und einen weiteren Schmerz für die Familien der Opfer dar, heisst es in einer Mitteilung der italienischen Regierung vom Samstag. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Aussenminister Antonio Tajani hätten deshalb entschieden, den Botschafter Gian Lorenzo Cornado nach Rom zu zurückzurufen. Es sollen das weitere Vorgehen und allfällige weitere Massnahmen besprochen werden.
Die Kritik der italienischen Regierung und des italienischen Volkes richtet sich primär gegen die Walliser Behörden, die bereits früh nach der Brandkatastrophe in der Neujahrsnacht zur italienischen Zielscheibe wurden.
Gemäss der Mitteilung aus Rom hat Botschafter Cornado die Anweisung erhalten, sich umgehend mit Beatrice Pilloud, der für den Fall zuständigen Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, in Verbindung zu setzen und ihr die "tiefe Empörung" der italienischen Nation über den Entscheid zu übermitteln.
Ein "inakzeptabler" Entscheid
Tajani bekräftigte sein bereits am Vorabend geäussertes Unverständnis. Es sei "inakzeptabel", dass Barbesitzer Jacques Moretti aus der Untersuchungshaft entlassen werde - und dies obwohl er "objektiv für das Geschehene verantwortlich ist".
Er und Meloni würden dies nicht nur als Vertreter der italienischen Regierung sagen, sondern auch als Eltern und in seinem Fall als Grossvater, sagte Tajani gemäss der italienischen Nachrichtenagentur Ansa an einer Medienkonferenz in Rom. Der Aussenminister forderte die Schweizer Justiz auf, das Strafverfahren zu beschleunigen. "Die Gefühle des italienischen Volkes dürfen nicht auf diese Weise verletzt werden."
Pillouds Richtigstellung
Die von den italienischen Regierung angesprochene und vom Botschafter kontaktierte Beatrice Pilloud wies die Verantwortung für die Freilassung Morettis zurück. Sie habe dem Botschafter erklärt, dass das Zwangsmassnahmengericht entschieden habe, schrieb Pilloud auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
"Ich möchte nicht für einen diplomatischen Zwischenfall zwischen unseren beiden Ländern verantwortlich sein", teilte die Generalstaatsanwältin mit. Sie betonte weiter, dass sie keinem möglichen Druck der italienischen Behörden nachgeben werde, und sie habe dem italienischen Botschafter daher geraten, seine Bedenken über den Entscheid an die nationalen Behörden zu richten.
Austausch mit Cassis
Gegenüber der offiziellen Schweiz sprach Tajani deutlich freundlicher. Er habe in einem langen Gespräch am Samstag mit Bundesrat Ignazio Cassis erneut die Solidarität der Schweizer Regierung erfahren, sagte der italienische Aussenminister an der Medienkonferenz.
Aussenminister Cassis selbst bestätigte den Austausch mit seinem Amtskollegen und gab sich verständnisvoll. "Wie Italien trauert auch die Schweiz um die 40 Opfer und die vielen Verletzten der Tragödie von Crans-Montana. Wir verstehen den Schmerz, denn es ist auch unser Schmerz", schrieb Cassis auf der Plattform X.
Man wolle ebenfalls Klarheit und verfolge die Arbeit der Justiz im Kanton Wallis aufmerksam, äusserte sich Cassis weiter. Er und Tajani hätten die Bereitschaft der Schweiz und Italiens bekräftigt, sich in dieser gemeinsamen Tragödie gegenseitig zu unterstützen.
Bundespräsident Guy Parmelin äusserte sich am Rande der SVP-Delegiertenversammlung gegenüber Radio SRF zum Thema. Man könne die Empörung Italiens verstehen. Das Land schaue jedoch das Schweizer Vorgehen rechtlich durch eine andere Brille an.
Ersatzmassnahmen statt Untersuchungshaft
Das Walliser Zwangsmassnahmengericht hatte am Freitag beschlossen, Jacques Moretti gegen eine Kaution von 200'000 Franken freizulassen. Stattdessen wurden "Ersatzmassnahmen angeordnet, um dem Fluchtrisiko entgegenzuwirken".
Unter anderem darf der Barbesitzer die Schweiz nicht verlassen. Er muss alle amtlichen Dokumente abgeben und sich täglich bei der Polizei melden. Die Untersuchungshaft war wegen Fluchtrisikos ursprünglich für drei Monate angeordnet worden. Moretti befand sich seit dem 9. Januar in Haft.
Moretti und seine Frau, die nicht in Untersuchungshaft musste, werden "des fahrlässigen Totschlags, der fahrlässigen Körperverletzung und der fahrlässigen Brandstiftung" verdächtigt. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Unklar, ob Moretti auf freiem Fuss ist
Ob der Barbesitzer effektiv auf freiem Fuss ist, wie mehrere Medien im In- und Ausland am Samstag in Berufung auf nicht näher genannte Quellen meldeten, oder weiterhin im Gefängnis sitzt, war vorerst unklar. Eine Anfrage bei den entsprechenden Stellen von Keystone-SDA blieb am Samstag vorerst unbeantwortet.
Moretti gehört zusammen mit seiner Frau die Bar "Le Constellation" in Crans-Montana, in welcher in der Neujahrsnacht bei einem verheerenden Brand 40 Menschen ums Leben kamen und 116 Personen verletzt wurden - viele davon aus Italien.
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